Blaukrabbe in der Lagune: Warum jetzt Tausende Kraken gegen den Krabben-Invasor kämpfen

von mike Tourismus News

Wer durch die Fischerdörfer der Lagune spaziert, über den Rialtomarkt schlendert oder in Chioggia und Pellestrina isst, stößt derzeit unweigerlich auf ein Thema: den granchio blu. Die aus Nordamerika eingeschleppte Blaukrabbe gilt inzwischen als eine der größten Bedrohungen für die venezianische Lagunenwirtschaft der letzten Jahrzehnte. 2026 rückt sie erstmals mit einer wirklich neuartigen Gegenmaßnahme in den Fokus: dem Kraken als natürlichem Jäger.

Die Blaukrabbe erobert die Lagune von Venedig

Die Blaukrabbe stammt ursprünglich von der Atlantikküste Amerikas und gelangte vermutlich über das Ballastwasser von Frachtschiffen ins Mittelmeer. Lange hielten kühlere Wintermonate ihre Ausbreitung in Grenzen. Doch mit milderen Wintern und länger anhaltend warmem Wasser bleibt die Krabbe heute über weite Teile des Jahres aktiv und fortpflanzungsfähig — mit Folgen für die gesamte obere Adria, von Friaul über die Lagune von Venedig bis zum Po-Delta. Meeresbiologin Enrica Franchi (Universität Siena) erklärt den Mechanismus so: Die Temperaturschwellen, die die Krabbe früher ausbremsten, träten inzwischen deutlich seltener auf.

Für Venedigs Lagune ist das ein Problem mit zwei Gesichtern. Zum einen frisst die Blaukrabbe direkt Venusmuscheln (vongole veraci) und andere Muscheln, sobald diese noch jung und weichschalig sind — ganze Zuchtbestände können so binnen Wochen dezimiert werden. Zum anderen zerstören ihre kräftigen Scheren die Fangnetze der Fischer, was zusätzliche Kosten verursacht, noch bevor überhaupt gefangen wurde. Veneto Agricoltura bestätigt: Die Art ist inzwischen in praktisch allen Küsten- und Lagunengebieten der Region nachgewiesen.

Wie teuer der Krabben-Invasor Venedig schon zu stehen kam

Die Zahlen zur Krise sind eindrücklich. Der Bauernverband Coldiretti bezifferte die Gesamtschäden für die italienische Muschel- und Fischwirtschaft zeitweise auf rund 200 Millionen Euro — eine Verdopplung gegenüber der Schätzung von Mitte 2024. Umweltminister Gilberto Pichetto Fratin sprach in einzelnen betroffenen Gebieten sogar von einem Totalausfall der Vongole-Produktion. In der Lagunensacca von Scardovari im Po-Delta, einem der wichtigsten Anbaugebiete für die geschützte DOP-Vongola, brach die Erntemenge 2026 von rund 25.000 auf etwa 15.000 Doppelzentner ein. Im benachbarten Friaul-Julisch Venetien entsprach allein der Fang der ersten vier Monate 2026 bereits dem gesamten Fangvolumen des Jahres 2025.

Auch für Venetien selbst ist die Bilanz drastisch: Bereits 2023 wurden in der Region rund 326 Tonnen Blaukrabben gefangen, davon 84 Tonnen allein im August in Scardovari und 29 Tonnen in Pila. Untersuchungen von Ispra und Arpav dokumentierten im Winter 2023/24 eine Sterblichkeit der Venusmuscheln von bis zu 85 bis 99 Prozent in Teilen der Lagune — Gouverneur Luca Zaia sprach von einer „Tragödie“ und beantragte den nationalen Notstand. Auf den Preis schlug sich das deutlich durch: Marktbeobachter meldeten 2023/24 Aufschläge für Venusmuscheln von 60 bis 76 Prozent gegenüber dem Vorjahr, in einzelnen Regionen Italiens zeitweise sogar eine Verdreifachung zu den Feiertagen.

Der Kraken als natürlicher Feind: das Projekt „Octo-Blu“

Genau hier setzt die derzeit meistbeachtete neue Gegenmaßnahme an: der Kraken (polpo) als natürlicher Fressfeind der Blaukrabbe. Meeresbiologen bestätigen, dass Kraken Krabben gezielt jagen — mit einer Art Judogriff hebeln sie ihre Beute auf den Rücken, um die gefährlichen Scheren zu neutralisieren, injizieren anschließend ein lähmendes Gift in die Kiemen und verzehren die Krabbe danach in Ruhe. Anders als manch anderer Fressfeind jagt der Kraken dabei gezielt und nur bei Bedarf, nicht wahllos.

Diese Beobachtung steckt hinter dem Forschungsprojekt „Octo-Blu“ der Universität Bologna und der Region Emilia-Romagna, geleitet von Professor Oliviero Mordenti und dem Forscher Antonio Casalini, unterstützt von der Hafenbehörde Cesenatico. Seit 2024 werden in Universitätsanlagen gezüchtete junge Kraken (sogenannte Paralarven) vor der Küste bei Cesenatico sowie an künstlichen Riffen nahe Riccione im Meer ausgesetzt. Im August 2026 kamen erneut rund 40.000 Jungtiere hinzu — das erklärte Ziel der Forscher liegt bei insgesamt 100.000 bis 150.000 ausgesetzten Tieren. „Der Kraken ist ein Fressfeind, der in der Lage ist, eine zu häufig gewordene Art zu regulieren“, so Mordenti.

Ganz ohne Haken ist die Idee nicht: Kraken selbst werden in der Adria auch kommerziell befischt, was einer groß angelegten „Aufzucht als Gegenmittel“ Grenzen setzt. Belastbare Daten dazu, wie viele Blaukrabben die ausgesetzten Kraken tatsächlich dezimieren, liegen bislang nicht vor — „Octo-Blu“ ist ein wissenschaftliches Experiment, kein sofort wirkendes Wundermittel.

Fallen, Fördergeld und Vermarktung: die weiteren Gegenmaßnahmen

Der Kraken ist nur ein Baustein unter mehreren. Auf nationaler wie regionaler Ebene laufen parallel handfestere Programme:

  • Nationaler Interventionsplan: Die Regierung stellte Anfang 2025 zunächst 10 Millionen Euro bereit, das Landwirtschaftsministerium ergänzte weitere 44 Millionen Euro. Ein eigens ernannter Sonderkommissar (Enrico Caterino, im Amt bis Ende 2026) koordiniert sechs Maßnahmen: Schutz der Biodiversität, Entwicklung neuer Fanggeräte, fachgerechte Entsorgung nicht verwertbarer Tiere, Eindämmungsbarrieren, Schadensbegrenzung für die Fischerei und wirtschaftliche Unterstützung der Betriebe. Ziel: rund 2.600 Tonnen Blaukrabben in zwei Jahren aus der oberen Adria (Venetien und Emilia-Romagna) zu entfernen.
  • Pilotprojekt der Region Venetien (1,57 Mio. €): Von März bis Oktober läuft eine Fangkampagne, die ausdrücklich die Lagune von Venedig, das Po-Delta und die Lagune von Caorle einschließt. Fischer erhalten 1 Euro pro Kilogramm nicht verwertbarer Krabben sowie Zuschüsse für Bootsmiete und selektive Fanggeräte (Fallen/nasse). Finanziert wird das Projekt über das EU-Programm Feampa, die Region, Veneto Agricoltura und die Universität Padua, Laufzeit bis Ende Dezember 2026.
  • Überwachung: Arpav und Veneto Agricoltura betreiben seit 2023 regelmäßige Monitoring-Kampagnen mit ausgelegten Fallen, vor allem in den Sacche des Po-Delta, um Verbreitung und Bestandsentwicklung zu erfassen.
  • Vermarktung statt Entsorgung: Der Fischereiverband Consorzio Pescatori del Polesine bringt Krabbenfleisch und Scheren im Glas in den Handel. Universitäten in Sassari und Cagliari erforschen zudem, ob sich aus den Panzern Chitin für Kosmetik- und Biotech-Anwendungen gewinnen lässt.

Vom Feind auf den Teller: Lagunen-Restaurants setzen auf den Krabben-Invasor

Eine weitere, ganz undramatische Gegenstrategie findet sich auf der Speisekarte. In Chioggia haben mehrere Lokale den granchio blu bereits zu den Festtagen als Gourmetgericht angeboten — die Überlegung dahinter: Was gegessen wird, wird auch gefangen, und jede verkaufte Portion ist eine Krabbe weniger in der Lagune. Auch im Fine-Dining hat sich das Thema etabliert: Das Sternerestaurant Venissa auf der Lagune-Insel Mazzorbo, geführt von Chiara Pavan und Francesco Brutto, setzt seit Jahren bewusst invasive und problematische Arten auf die Karte — darunter mehrere Zubereitungen der Blaukrabbe neben Quallen, der eingewanderten Rapana-Meeresschnecke und der invasiven Arca-Muschel. Die Idee dahinter: Gästen zeigen, dass der Umgang mit invasiven Arten auch kulinarisch eine Antwort sein kann, während heimische Spezialitäten wie die weichschaligen Moeche-Krebse durch die veränderten Lagunenbedingungen seltener werden.

Was das für Ihren Venedig-Besuch bedeutet

Quick-Decision-Matrix: Wen betrifft die Blaukrabben-Krise in der Lagune?
PersonaRelevanz
Fischesser & Vongole-FansMittel bis hoch — lokale Vongole und Moeche können in Krisenjahren knapper und teurer sein; probieren Sie ruhig auch ein Gericht mit granchio blu, das ist meist günstiger und reichlich vorhanden.
Tagesausflügler nach Chioggia oder PellestrinaHoch — beide Fischerorte leben von der Muschel- und Krabbenwirtschaft und sind von der Krise unmittelbar betroffen; das Thema ist dort spürbar im Alltag präsent.
NaturinteressierteMittel — die Lagune von Venedig ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie invasive Arten und Klimawandel ein empfindliches Ökosystem verändern.
Klassische Sightseeing-BesucherNiedrig — im historischen Zentrum um Markusplatz und Rialto ist die Krise kaum sichtbar, allenfalls auf Speisekarten oder am Fischmarkt.

Häufige Fragen zur Blaukrabbe in der Lagune von Venedig

Was ist die Blaukrabbe und woher kommt sie?

Die Blaukrabbe (Callinectes sapidus, italienisch granchio blu) stammt von der Atlantikküste Amerikas und wurde vermutlich über das Ballastwasser von Handelsschiffen ins Mittelmeer eingeschleppt. Mildere Winter und länger warmes Wasser lassen sie inzwischen fast ganzjährig aktiv und vermehrungsfähig bleiben, wodurch sie sich seit einigen Jahren rasant in der oberen Adria ausbreitet, auch in der Lagune von Venedig.

Warum ist die Blaukrabbe ein Problem für Venedig?

Sie frisst junge Venusmuscheln und andere Muscheln, auf die die traditionelle Lagunen-Muschelzucht angewiesen ist, und zerstört mit ihren Scheren die Fangnetze der Fischer. Coldiretti schätzte die Gesamtschäden für Italiens Muschel- und Fischwirtschaft zeitweise auf rund 200 Millionen Euro, in einzelnen Gebieten fiel die Vongole-Ernte nahezu komplett aus.

Was hat der Kraken mit der Blaukrabbe zu tun?

Kraken zählen zu den natürlichen Fressfeinden der Blaukrabbe. Im Forschungsprojekt „Octo-Blu“ der Universität Bologna und der Region Emilia-Romagna werden seit 2024 eigens gezüchtete Jungkraken vor der Küste bei Cesenatico ausgesetzt — im August 2026 rund 40.000 Tiere, Ziel sind 100.000 bis 150.000. Ob die Methode die Krabbenbestände messbar senkt, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend belegt.

Werden die Kraken auch direkt in der Lagune von Venedig ausgesetzt?

Nein, die bisherigen Freisetzungen von „Octo-Blu“ finden vor der Küste der Emilia-Romagna (Cesenatico, Riccione) statt. Das Projekt soll aber auch den Vongole-Zuchtgebieten Venetiens zugutekommen, die zusammen mit der Emilia-Romagna mehr als die Hälfte der italienischen Muschelproduktion ausmachen. In der Lagune von Venedig selbst laufen andere, ergänzende Maßnahmen wie das Fang- und Förderprogramm der Region Venetien.

Werden Besucher die Blaukrabben-Krise auf ihrer Venedig-Reise bemerken?

Im historischen Zentrum kaum. Wer aber Chioggia, Pellestrina oder den Rialto-Fischmarkt besucht, trifft auf ein Thema, das den lokalen Alltag prägt — von höheren Vongole-Preisen bis zu granchio blu als neuem, meist günstigem Gericht auf der Speisekarte.

Kann man die Blaukrabbe selbst essen?

Ja, sie gilt kulinarisch sogar als schmackhaft und wird zunehmend vermarktet — von Krabbenfleisch im Glas bis zu Gerichten in Restaurants der Lagune, etwa im Sternerestaurant Venissa auf Mazzorbo. Der Verzehr gilt manchen Fischern und Gastronomen explizit als Beitrag, die Ausbreitung der Art einzudämmen.

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